Tómas Hirsch Tómas Hirsch

Interview im Magazin Prenzlberger Ansichten, Februar 2012

 

„... ist im Sinne der sozialen Gerechtigkeit ein totaler Fehlschlag“ 

 

Tomás Hirsch war 2006 zum letzten Mal in Berlin. Damals als Präsidenschafts­kandidat der Vereinigung „Juntos Pode­mos Mas“ (der größte Zusammenschluss linker Kräfte in Chile seit Salvador Allende 1973), die bei den Wahlen in Chile im gleichen Jahr 5,4 % der Stim­men gewann. 6 Jahre später nun ist er wieder in Berlin und wird auf einer Veranstaltung im Haus der Demokratie und Menschen­rechte erwartet. Titel: „Der Fall Chile - Das Scheitern des Erfolgs­modells; Vom Triumph des Neol­ibera­lismus zu den Massenprotesten.“ 

 

Was ist der Zweck Ihrer Reise und Ihres Besuches in Deutschland?

Ich reise nach Deutschland aufgrund einer Einladung von Freunden in München, um einen Vortrag über die aktuelle Situ­a­tion in Chile und Lateinamerika zu halten. Natürlich werde ich mich auch mit Teilnehmern der Demonstrationen der „Empörten“ treffen, um ihre Standpunkte kennenzulernen, um über Erfahrungen auszutauschen und um gemeinsam über die Zukunft nachzudenken, die wir möchten.

Ich nehme mir auch ein paar Tage Zeit, um nach Berlin zu kommen und den Studien- und Reflexionspark Schlamau zu besuchen, wo ich hoffe, mit Humanisten aus verschiedenen deutschen Städten zusammenzukommen.

Auch werde ich diese Reise nach Europa nutzen, um einige andere Studien- und Reflektionsparks zu besuchen: La Belle Idee in Nordfrankreich, Casa Giorgi in der Nähe von Mailand, Attigliano bei Rom und Toledo in Spanien. Danach reise ich weiter in den Mittleren Osten, um unsere Bemühungen fortzusetzen, den Humanismus und Silos Botschaft in Israel und Palästina zu fördern.

Herr Hirsch, Sie sagen, dass das „Erfolgsmodell“ in Chile fehlgeschlagen ist. Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung?

Im Jahr 1990 konnte die Demokratie in meinem Land zurückgewonnen werden, nach 17 Jahren Pinochets brutaler Dik­ta­tur. Aber die Rückkehr zur Demokratie wurde von der Festigung des neoliberalen Modells begleitet. Während vieler Jahre wurden wunderbare makroökonomische Zahlen präsentiert, dauerhaftes Wirtschaftswachstum, niedrige Infla­tion, hohe Exporte, stabile Währung, große ausländische Investitionen, etc. Aber sie zeigte nie die andere Seite: Ein Land, das einerseits kontinuierlich wuchs, und zur gleichen Zeit eine der schlimmsten Einkommensverteilung in der Welt hat. Auf einer existenziellen Ebene ein Land mit einem Weltrekord an Konsum von Psychopharmaka, mit stetiger Zunahme von familiärer und häuslicher Gewalt, mit einem unkontrollierten Wachstum von Alkoholismus und Dro­gen­abhängigkeit. Ein Land, in dem  Bildung und Gesundheit von einem allgemeinen Recht zu einem riesigen Ge­schäft in privaten Händen gemacht wurden. Ein Land, das seine Kupferminen verstaatlicht hatte, um sie wieder den multinationalen Konzernen zu geben, die die niedrigsten Gebühren für die Abbaurechte der Welt bezahlen. Diese Bergbauunternehmen erzielen jedes Jahr rund 30  Milliarden Dollar Gewinne und bezahlen fast keine Steuern.

Über viele Jahre hinweg wurde ein Bild über Chile in die Welt exportiert, dass Chile das perfekte Beispiel für den Erfolg des neoliberalen Modells sei. Sie zeigten nur die eine Seite. Und warum das? Diese Frage wird beantwortet, wenn man versteht, wer für die Verbreitung dieses Bildes über Chile verantwortlich ist. Sicherlich weder die Studentenführer noch die verfolgten Mapuche, weder die Rentner mit ihren miserablen Pensionen oder diejenigen, die auf das öffentliche Gesundheitswesen angewiesen sind. Sicherlich niemand, der unter den Auswirkungen des neoliberalen Modells leidet. Es sind genau jene, die ein solch verzehrtes Bild über Chile als ein Para­dies geschaffen haben, die von dem Modell am meisten profitieren, an seinem Erhalt interessiert sind und vor allem, um es in andere Länder zu exportieren. Es sind die Investoren, die multinationalen Unternehmen und die Medien, die zu ihren Diensten sind, die dieses falsche und unvollständige Bild von meinem Land propagiert haben.

Der vermeintliche Erfolg des Modells, wie er in der Welt propagiert wird, ist im Sinne der sozialen Gerechtigkeit ein totaler Fehlschlag, da nur ein sehr kleiner Prozentsatz des Landes davon profitiert hat.

Seit fast 20 Jahren prangern die Humanisten diese Wahrheit an und wurden disqualifiziert. Meine beiden Präsident­schaftskandidaturen bestanden im Wesentlichen daraus diesen wahrhaftigen Betrug beim Namen zu nennen, den die meisten Chilenen leben. Heute, wo Hunderttausende von Chilenen auf die Straße gehen, um zu protestieren, sieht die Welt schlussendlich diese Wahrheit.

Tómas Hirsch Tomás als Redner bei eine Veranstaltung

Ist Chile nur eine Ausnahme oder ein Beispiel für das grundlegende Schei­tern des Neoliberalismus in der Welt? 

Chile ist keine Ausnahme. Vielleicht ist es die Spitze des Eisberge‚s, aber eines sehr großen und brüchigen Eisberges. Der Neoliberalismus ist kläglich in der ganzen Welt gescheitert, weil er die Ungleichheit und Armut vergrößert hat, weil er die Grundrechte auf Gesundheit, Bildung, die Fürsorge, Umwelt, in gigantische Geschäfte verwandelt hat, wovon nur ein paar multinationale Unter­neh­men und vor allem das Finanzwesen profitiert haben.

 

Welche Alternativen sehen Sie in Chile oder in anderen Orten?

Diese Bewegung sollte fortgesetzt werden. Die Mobilisierungen waren spektakulär, aber nicht ausreichend. Es wäre falsch zu glauben, dass alles getan sei, und man nun „nach Hause“ gehen könne. Auf keinen Fall! Es muss fortgesetzt werden und diesen bisherigen Stil beibehalten, gewaltfrei, kreativ und horizontal.

 

Was denken Sie über die Zukunft? Hölle oder Paradies?

Ich bin sehr optimistisch. Die Demon­strationen des Jahres 2011 waren der Ausdruck einer neuen Generation, die aus ihrer Lethargie erwacht und sich erhebt. Vielleicht werden sich die Dinge nicht in einem Tag oder ein Jahr ändern, aber was in Bewegung gekommen ist, wird sich nicht aufhalten lassen. Eine neue Welt, in der Gewaltlosigkeit, Parität, horizontale Beziehungen, soziale Gerechtigkeit, Respekt für die Vielfalt vorherrscht, erscheint am Horizont.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Fragen: Michael Steinbach, Übersetzung: Reto Thumiger

 

„Der Fall Chile - Das Scheitern des Erfolgs­modells; Vom Triumph des Neo­liberalismus zu den Massenprotesten.“

Do., 1. März, 19 Uhr, Haus der Demo­kratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

 

 

 

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